die Dinge zueinander…

aus der Reihe organic stories, 2017 M.G

oder:
Zur Dringlichkeit des Details.

aus der Reihe organic stories, 2017 M.G.
aus der Reihe organic stories, 2017 M.G.

Wir sind in meinem Salonladen in der Ackerstrasse.
Friseur? Seltsamer Kleinkram? Pflanzen Wollhöschen? Kosmetik? Fotografie?
Immer wieder verwunderte Blicke, ein missverständlicher Gesichtsausdruck und ganz manchmal dann doch die Frage, die scheinbar sie zu stellen, gerade viel Mut gekostet hat:  „Wie passt das denn alles zusammen was Sie da machen?“.
Große Frage – einfache Antwort. Lange habe ich den Wald vor Bäumen nicht gesehen, denn sie ist so einfach, dass sie mir selbst in ihrer Klarheit erst vor Kurzem ganz plötzlich beim Zähne putzen in den Kopf schoss und ziemlich banal klingt: 

„Es war schon immer die Begeisterung Dinge in Bezug zueinander zu bringen.
Das öffnet meinen Geist.“

Vielleicht sprechen wir hier von Analogie?
aus der Reihe organic stories, 2017 M.G.

Einfacher gesagt, es ist die Suche nach der Poesie hinter den Dingen. Manchmal kommt sie zum Vorschein wenn ich etwas in seiner Formalität kombiniere was inhaltlich im ersten Moment nichts mit einander zu tun hat. Es entsteht etwas, was ich vielleicht als sinnbefreite, jedoch poetische Symbiose bezeichnen würde. Das ist spannend und sehr sehr individuell. Manchmal erscheint eine Kombination allgemeingültig logisch und folgerichtig zu sein und manchmal ist sie lediglich aus intuitiven, persönlichen Gründen goldrichtig. Es ist wie Flanieren. Versuchen mit freiem Kopf die Dinge wahrnehmen und sehen was passiert. Ja, es hat vielleicht was kindliches, womöglich was Kreatives. Oder ist es gar eine Überlebensstrategie . Auf jeden Fall macht es mich glücklich, ist entspannend und hört nie auf. 

aus der Serie contact high, 2014

Wann passiert das? Nun ja, zum einen können es kleinen banale Dinge sein die ja in jeder Sekunde um uns herum sind. Unscheinbare Findlinge die mir unterwegs auffallen und in meinen Taschen verschwinden. Unerwartete, spannende Details, die bei kreativen Prozessen z.B. des Fotografierens oder 3dimensional Arbeitens zum Vorschein kommen.

aus der Serie contact high, 2014

Das sind alles Momente die mir viel über das große Ganze zu dem sie gehören, oder aus dem sie entnommen wurden, erzählen. Es ist und bleibt ein Versuch, eines zu begreifen, nämlich dass wir uns selbst und alle anderen als Individuen, Gesellschaftsmenschen und als Mitbewohner dieser, unserer Erde betrachten sollten. Das wissen oder das ganz persönliche Gefühl darüber wird mit Sicherheit auch mein Gewissen beeinflussen.

Auf diesen, mir doch recht diffusen Begriff stoße ich in letzter Zeit, da ja viel über den direkten Einfluss von uns allen auf die Natur debattiert wird, wieder häufiger.

aus der Serie DRINGLICHKEIT UND RELEVANCEN, 2000

Gewissen.
Emanuel Kant bestimmt es so:
In unserer Seele ist etwas, dass wir Interesse nehmen, an 1) unserem Selbst,  2) an Anderen, mit denen wir aufgewachsen sind und dann muss 3) noch ein Interesse am Weltbesten stattfinden, wenn es auch nicht der Vorteil unseres Vaterlandes oder unser eigener Gewinn ist.
Zwei Zugehörigkeiten also. Die zu uns selbst und zu unserem Nächsten. Und eine Pflicht, das Interesse am Weltbesten zu nehmen.
Das Weltbeste, das für Kant mit Ehrfurcht vor dem bestürmten Himmel zusammenhängt, mit dem erkannten Gefühl von der Verknüpfung unserer Existenz mit Welten über Welten und Systemen von Systemen noch über den Horizont unserer Lebenszeit hinaus. 

aus der Serie contact high, 2014

Und dieses Interesse am Weltbesten muss sich verändern, muss wachsen wenn die Welt in der wir leben wächst und weiter und komplizierter wird. 

Das sei eine Überforderung? Es ist vielmehr eine sehr offene Formulierung in der Gefühle und Erkenntnisse in der inneren Stimme zusammenkommen. Kant formuliert dieses Gewissen als Pflicht, die sich aus der Verbundenheit unserer kleinen Existenz mit der Welt außer uns bis ins Unendliche ergibt. Pflicht aber, das ist ihre älteste Bedeutung, heißt pflegen, teilnehmen, Gemeinschaft haben, mit etwas verbunden sein. Und die geheimnisvolle Kraft die das in uns weckt ist die Liebe zu dem was kommt und wer da kommt. So gesehen fallen im Gewissen, moralisches Gefühl, Wissen und Lebensform zusammen. Und Gewissen wäre dann das mit Empathie und Selbstachtung ausgestattete vollständige Wissen darüber was wir sind. Individuen, Gesellschaftsmenschen und Bewohner der ganzen Welt. Daraus könnte dann eine wirkliche Leitkultur wachsen. Der Beginn einer neuen großen Erzählung die in die Zukunft führt, in der Emotionen und Erkenntnisse zusammenfließen zu einer kräftigen Praxis. 

Soweit Mathias Greffrath über Kant. (aus DFK Essay und Diskurs vom 22.12.2019, Rückblick und Ausblick – Saisonschluss (3/3) )
we create the world in our spirit, Rauminstallation 2004 bei piso+garz

Ich möchte hier mit der Promotion für das Detail beenden. Mit der Notwendigkeit individueller Wahrnehmung und Meinungsbildung eines jeden. Der Wertschätzung und Empathie für die kleinen unscheinbaren Momente und Dinge. Der Begeisterung für das Selbstentdeckte. Der Ermunterung zu Bescheidenheit und Dankbarkeit. .
Mit der Loslösung von Mainstream, Gruppenzwang und Dogmen.
Mit Dir ganz persönlich. 

ganz nach unserem YLN Motto:

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