zunächst war da diese Datsche…

Zum Detox in die Ossi-Datsche

So nennt man die Stadtflucht-Möglichkeiten der ehem. DDR für die einst privilegierten unter unseren Ostdeutschen Mitbürgern. Bei uns in Bayern sind das lediglich Schrebergärten. An das Wort ‚Datsche‘ , was diesen wichtigen ‚grünen Lungen‘ wirklich nicht gerecht wird, konnte ich mich nur genauso langsam gewöhnen wie an das Wort Brötchen. Ich hatte großes Glück ein besonders schönes Sahnestück Grünfläche in einer ehemaligen Konsum-Anlage ergattert zu haben. 7 Jahre bewirtschaftete ich linentreu laut BRD-Kleingartengesetz meine 800qm Kleinod mit Gemüseanbau, Obstbäumen und unzähligen Stauden. Für Verwunderung in Sachen einzuhaltenden Vorschriften war hier sehr viel Platz. Die grundstücksbegrenzenden Hecken drumherum durften 1,20m nicht überschreiten, hätten doch die armen Nachbarn nicht mehr mitbekommen was man den ganzen Tag so treibt. An meinen freien Tagen bin ich morgens mit der S-Bahn hin- und abends wieder nach Hause gefahren. Als ich das Areal 2004 von meinen Vorbesitzern übernahm, glich mein späteres botanisches Arbeitslager (was mir zum Glück damals noch nicht richtig klar war), noch einem von Flora & Fauna befreiten, dafür mit Round up (schöneres Wort für Unkrautvernichtungsmittel) versorgt, ähnlichem Golfplatz. Abends bin ich gerne wieder Richtung Stadt in mein trautes Heim gefahren. Insekten habe ich dort lange nicht gesehen und Botanische Diversität anzusiedeln, war anfangs hart und hat mir letztlich noch eine Erschöpfungs-Gürtelrose eingebracht. Trotzdem wusste ich von Anfang an, dass hier etwas auf mich lauert. Nach einigen Jahren war mir diese Hin- und Herfahrerei zwischen zwei Haushalten zu blöd, und ich war wild entschlossen einen Sommer lang komplett draussen zu bleiben. Vielleicht trieb mich auch das Bedürfnis voran der heißen Stadt für einen Sommer lang den Rücken zu kehren. Von Detox hat damals noch niemand gesprochen. Doch es war genau das. Mein erster City-Detox. So nahm das seinen Lauf, was Wassermännern ja gerne nachgesagt wird. Sie wollen nur extrem oder gar nicht. Was sollte schiefgehen? Fliessend Wasser, Abwasserzysterne, Strom und eine Toilette gab es ja schließlich und den Rest stoppselte ich mir zusammen… Also, Stadtwohnung untervermietet und raus ins Grüne zu den Ossis.

Im Detail spiegelt sich das große Ganze.

Ein gern zitierter Satz meines Kunstprofessors, den ich in dieser Zeit erst so richtig verstand. Der Sommer war gigantisch! Jeder Tag war anders, die Natur zog mich von morgens bis abends in ihren Bann, meine künstlerische Arbeit nahm Fahrt auf in eine mir völlig neue Richtung. Von nun an sollten es Pflanzen und Insekten sein. Das Prinzip Ursache-Wirkung und die Schönheit der Vergänglichkeit wurden meine Themen. Die Zeit hatte wirklich etwas selbsttherapeutisches. Ich fühlte mich wie Magd und Gutsbesitzerin gleichzeitig. Liebte das einfache minimalistische Leben in meinem neuen Paradis, in dem ich Wasser, Strom und Platz sparen musste, der Hausmüll konnte nur Sonntags zwischen 3 und 5 entsorgt werden. Alles machte auf einmal Sinn und mich total glücklich. Meine sozialen Kontakte beschränkten sich auf die 3 Tage Arbeit im Salon in der Stadt, was mir zwar mehr als ausreichte, mich dennoch hin und wieder etwas stutzig werden lies. Den Rest der Woche versank ich in non-verbaler, visueller Kommunikation mit all dem Grünzeug und diesem zwiegespaltenen Paralleluniversum der kleinsten Bewohner meines Gartens. Bewaffnet mit Schere, Schächtelchen, Gartenhacke, Bindfaden oder, meist allerdings und Camera, war ich tatsächlich den ganzen Tag beschäftigt mit irgendwas Schaffen. Man geht befriedigt, entspannt früh ins Bett und will morgens mit dem ersten Vogelgezwitscher gleich wieder raus. Früh morgens mit einer Tasse Kaffee in der Hand ein erster Streifzug und nach allem sehen. Wessen Zeit war wohl letzte Nacht abgelaufen, wen hat uns der neue Tag dazugeschenkt. Die Tagesagenda wurde wurde gemacht, nebenbei fotografiert, in Dosen gepackt, gepresst und und und. Eh ich mich versah, stand die Sonne schon wieder hoch ich hatte das Bedürfnis nach meiner Gartendusche, was in sehr warmen Zeiten stündlich wiederholt wurde und bald darauf saß ich auch schon mit meiner Gartenernte auf dem Teller in der Abenddämmerung. Die Zeit verflog wie im Wind, und sie war so reich wie kaum zuvor in meinem Leben.

Buchtip

An dieser Stelle möchte ich allen Natur- und Detailliebhabern John Henry Fabre’s ERINNERUNGEN EINES INSTKTENFORSCHERS ans Herz legen. Dieses Buch hat mich sehr beruhigt in meiner manchmal aufkommenden Unruhe, nicht ganz normal zu sein. Ich war nicht allein. Mit Sicherheit ein Wassermann.

alles machte auf einmal Sinn

Nach diesem Sommer, ja ich kann sagen, tiefer Sinnfindung erschien es mir selbstverständlich, eine kleine Abschlussausstellung und Gartenparty zu veranstalten und das Stadtvolk in mein Cottage einzuladen. Ich räumte mein Gartenhaus aus, reduzierte alles auf 6 weisse Flächen und verwandelte mein ursprünglich gemütliches Arbeitswohnzimmer in eine leere Schachtel. Dabei wurde mir immer klarer, dass ich die letzten Jahre anscheinend genau darauf hingearbeitet habe, ohne es zu bemerken. Alles raus, Ruhe für die Augen, Ruhe für den Kopf um Neuem, Wesentlichen Raum zu verschaffen. Ich fühlte mich wie ein Stipendiat im Ausland, der an seiner Abschlusspräsentation arbeitet. Es wurde meine wohl wichtigste Ausstellung und machte mich total glücklich. Heute weiss ich, dass all dieser Mühsal, diese 800qm zu bewirtschaften, sich um alles darin zu sorgen, es zu hegen und zu pflegen, es zu lieben, es zu dokumentierten, wohl die bisher intensivste Zeit meines Lebens war, in die ich mich mental jeder Zeit wieder einklinken kann. Der Tag mit all den lieben Menschen war einfach wunderbar und ein großartiger 2. Sommer im Jahr darauf sollte folgte.

Ich musste was in die Stadt bringen.

 Nach dem nächsten Sommer war meine grüne Auszeit vorbei. Ich hatte mich sehr stadtentwöhnt, fühlte mich doch auf die Dauer etwas einsam, wollte wieder zu meinen Wurzeln nach  Bayern zurück und meine berufliche Situation verändern. Mein Lebensmodell 3 Tage die Woche Haare schneiden in Berlin und  die anderen 3 Tage im botanischen Domizil konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Ich musste ins Tun kommen. Ich musste alles vereinen. Zu viele neue Themen sind mir wichtig geworden. Minimalismus, Ökologie, Ökonomie, Biodiversität, alternative Lebensmodelle, Klimawandel, unser Konsumentenverhalten, unser Müll, unsere Böden,  und und und. Ich wollte nicht länger, nur Festplatten, Regale und Schachteln füllen mit Ideen und Exponaten die mir am Herzen lagen, meiner künstlerischen Arbeit im stillen Kämmerlein nachgehen, ich wollte mich aber auch nicht um frustrierende, nervenaufreibende Ausstellungsprojekte kümmern und auf Erfolg hoffen. Ich wollte was mir Sinnvolles, Angewandtes tun. Ich wollte Ideen verwirklichen und alleine gestalten. Ich wollte was anders machen. So entstand langsam  YOUR LOVING NATURE… [/caption]

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