City DETOX

Einmal raus
und wieder
zurück

Als gebürtige Bayerin in Berlin angekommen, lernte ich unter anderem, dass das phonetisch seltsame Wort: ‚Datsche‘ ein Synonym für raus aufs Land (und vermutlich rein in gewisse Privilegien, but who am I to judge) war. Stadtflucht. Systemflucht. Das nächste Buch wartet. Das ist halt dieses Ostberlin. Es bleiben Räume. Sie werden weniger. Aber wieviel Zentimeter braucht Kreativität, um sich ans Licht zu arbeiten. Es reicht der kleine, blinde Fleck. Es reicht das nicht überall Perfekte, seit Generationen Gedachte, Ausprobierte. In Bayern sind so was Schrebergärten. An das Wort ‚Datsche‘ als Bezeichnung für diese wichtigen grünen Lungen der großen Stadt mit den bunten Lichtern konnte ich mich nur genauso langsam gewöhnen wie an das Wort Brötchen. Inzwischen klappt es. Manchmal sage ich sogar übermütig: „Schrippe“.   

Von wegen
im Liegestuhl
und lesen

Weiter im Text: Ich hatte großes Glück, ein besonders schönes Sahnestück Grünfläche in einer Kleingartenanlage des ehemaligen Handelsbetriebes Konsum zu ergattern. Sieben Jahre bewirtschaftete ich nun selber auch linientreu, allerdings nach BRD-Kleingartengesetz, meine 800qm Kleinod mit Gemüseanbau, Obstbäumen und unzähligen Stauden. Für tiefe, innere Verwunderung in Sachen einzuhaltender Vorschriften war hier sehr viel Platz. Allein, dass die grundstücksbegrenzenden Hecken nicht höher als 1,20m sein durften, erschreckt mich heute noch.

Als ich das Areal im Jahr 2004 von meinen Vorbesitzern übernahm, glich der Ort meiner späteren botanischen Sisyphusarbeit (was mir zum Glück damals noch nicht richtig klar war), noch einer von Flora & Fauna befreiten, dafür mit Round up (schöneres Wort für Unkrautvernichtungsmittel) auf Disziplin gebrachten, golfplatzähnlichen Seltsamkeit. Insekten habe ich dort lange nicht gesehen und botanische Diversität anzusiedeln, war anfangs hart und hat mir letztlich noch eine Erschöpfungs-Gürtelrose eingebracht. Trotzdem wusste ich von Anfang an, dass hier etwas auf mich wartet.

Erstmal war
da nichts
– dann wurde
es immer mehr

Ich fuhr jeden Abend nach Hause. Jahrelang. Irgendwann war mir diese Gurkerei zwischen zwei Haushalten zu blöd. Ich war wild entschlossen, einen Sommer lang komplett dort draußen zu leben. Vielleicht trieb mich auch das Bedürfnis, der heißen Stadt  einen Sommer lang zu entfliehen. Von Detox hat damals noch niemand gesprochen. Doch es war genau das. Mein erster City-Detox. So nahm das seinen Lauf, was Wassermännern ja gerne nachgesagt wird. Sie wollen nur extrem oder gar nicht. Was sollte schiefgehen? Fließend Wasser, Abwasserzysterne, Strom und eine Toilette gab es ja schließlich und den Rest stöpselte ich mir zusammen … Also, Stadtwohnung untervermietet und raus ins Grüne. In den Osten. Ich begriff ihn in dieser Zeit.

Vom Sehen zum
Wahrnehmen

Der Sommer war gigantisch! Jeder Tag war anders, die Natur zog mich von morgens bis abends in ihren Bann, meine künstlerische Arbeit nahm Fahrt auf in eine mir völlig neue Richtung. Von nun an sollten es Pflanzen und Insekten sein. Das Prinzip Ursache – Wirkung und die Schönheit der Vergänglichkeit wurden meine Themen. Die Zeit hatte wirklich etwas selbsttherapeutisches. Ich fühlte mich wie Magd und Gutsbesitzerin gleichzeitig. Liebte das einfache minimalistische Leben in meinem neuen Paradies, in dem ich Wasser, Strom und Platz sparen musste, der Hausmüll konnte nur sonntags zwischen drei und fünf Uhr entsorgt werden. Alles machte auf einmal Sinn und mich total glücklich. Meine sozialen Kontakte beschränkten sich auf die drei Tage Arbeit im Salon in der Stadt, was einfach reichte.

Eigentlich
nicht weit

Den Rest der Woche versank ich in non – verbaler, visueller Kommunikation mit all dem Grünzeug und diesem zwiegespaltenen Paralleluniversum der kleinsten Bewohner meines Gartens. Bewaffnet mit Schere, Schächtelchen, Gartenhacke, Bindfaden oder (meist allerdings und) Kamera war ich tatsächlich den ganzen Tag damit beschäftigt, etwas zu (er)schaffen. Ehe ich mich versah, stand die Sonne schon wieder hoch und ich hatte das Bedürfnis nach meiner Gartendusche, die ich in sehr warmen Zeiten stündlich nutzte, und bald darauf saß ich auch schon mit meiner Gartenernte auf dem Teller in der Abenddämmerung. Die Zeit verflog wie im Wind und ich war so reich wie kaum zuvor in meinem Leben. 

Nature has no mind
Nature has no wisdom
Nature does not care what happens

Alles schien auf einmal Sinn zu machen. Nach diesem Sommer, ja ich kann sagen, tiefer Sinnfindung, erschien es mir selbstverständlich, eine kleine Abschlussausstellung und Gartenparty zu veranstalten und das Stadtvolk in mein Cottage einzuladen. Ich räumte mein Gartenhaus aus, reduzierte alles auf 6 weiße Flächen und verwandelte mein ursprünglich gemütliches Arbeitswohnzimmer in eine leere Schachtel. Dabei wurde mir immer klarer, dass ich die letzten Jahre anscheinend genau darauf hingearbeitet habe, ohne es zu bemerken. Alles raus, Ruhe für die Augen, Ruhe für den Kopf, um Neuem und Wesentlichem Raum zu verschaffen. Ich fühlte mich wie ein Stipendiat im Ausland, der an seiner Abschlusspräsentation arbeitet.


OBSERVARE

Rauminstallation, 2011 im Schrebergarten

Textausszüge von JEAN-HENRI FABRE (1823-1915)
Erinnerungen eines Insektenforschers 1

(…)
Der Stachel stößt wie gesagt mehrmals zu: Erst unten am Hals, dann hinter das erste Brustteil und zuletzt vorne am Hinterleib. An diesem dreifachen Dolchstoß zeigt sich die Unfehlbarkeit,  das angeborene Wissen des Instinkts in seiner ganzen Großartigkeit.
(…)

(…)
Doch öffnen wir eine Grille. Und was finden wir da als Steuerungsorgan für die drei Beinpaare? Wir finden,
was die Grabwespe viel früher als die Anatomen wusste:  Drei weit auseinander liegende Nervenzentren.
(…)

(…)
Die Jagd ist zu Ende; die drei, vier Grillen, die zur Versorgung einer Zelle nötig sind, werden ordentlich gestapelt, auf dem Rücken liegend, den Kopf nach innen mit den Füßen zum Eingang. Auf jeder wird ein Ei abgelegt.  Dann muss die Höhle verschlossen werden. Unverzüglich kehrt sie zu ihrem sorglosen Vagabundenleben zurück, bis die ersten Fröste ein derart erfülltes Leben beenden.
(…)

(…)
Man weiß, mit welcher Wut die nur mit einem Verteidigungsstachel ausgerüsteten Hautflügler wie etwa Wespen sich auf den Tollkühnen stürzen, der ihr Nest stört, und seine Unbesonnenheit bestrafen. Diejenigen aber, die ihren Stachel nur zum Jagen benutzen, sind überaus friedlich, als wüssten sie, wie wichtig das Tröpfchen Gift in ihrem Behälter für ihre Nachkommen ist.
(…)

(…)
Binnen weniger Tage hat die Larve ein Loch in die Brust des Opfers gebohrt, groß genug, um halb darin zu verschwinden. Mitunter sieht man, wie die in die Weichteile gebissene Grille ihre Fühler und Lenden vergeblich bewegt, die leeren Kieferzangen öffnet und schließt und sogar ein Bein bewegt. Aber die Larve ist in Sicherheit und wühlt ungestraft in ihren Eingeweiden. Welch entsetzlicher Albtraum für die gelähmte Grille!

Ich musste
etwas davon
in die Stadt
bringen

Es wurde meine wohl wichtigste Ausstellung und machte mich total glücklich. Heute weiß ich, dass all dieser Mühsal, diese 800qm zu bewirtschaften, sich um alles darin zu sorgen, es zu hegen und zu pflegen, es zu lieben, es zu dokumentierten, wohl die bisher intensivste Zeit meines Lebens war, in die ich mich mental jeder Zeit wieder einklinken kann. Der Tag mit all den lieben Menschen war einfach wunderbar und ein großartiger zweiter Sommer im Jahr darauf sollte folgen.

Nach dem nächsten Sommer war ich aufs Beste satt an grün, aber das Hippieaussteigerleben meinte ich nun auch nicht wirklich. Ich dachte erst, ich sei zu stadtverwöhnt, ich wollte nach Bayern, quasi zurück nach Hause, zu den Wurzeln. Ich wollte irgendwie nichts und vor allen Dingen alles. Die unmittelbar erlebten Themen drängten mich raus aus meinem stillen Kämmerlein, sie hatten nichts mit philosophischer Suche nach mir selbst zu tun, sondern mit dem, was draußen stattfand. Es drängte mich Stadt und Land miteinander abzugleichen und zu verbinden. Der missing Link war ich. Hinter meinen Bildern: „Insekt auf Dahlie“ wartete das Thema. Mein Herzblut gab die Richtung vor. Und die zeigte immer wieder zu dem Ort, der doch eh schon da war – meinem Salon. Neben dem Reichtum, den er sowieso in sich hatte, nämlich Ausstellungsfläche, Reflektion, Begegnung und Handwerk zu sein, schimmerte die Möglichkeit, Konsum und Kommunikation direkt zu verändern. So sinnvoll und so direkt angewandt, so folgerichtig nach allem Erlebten ging es nicht um Flucht weg von, sondern um einen Weg hin zu. Ich blieb also in Berlin, und mein Salon wurde Heimat. Für your loving nature. Und für mich.